6. August 2018

Slam und psychische Gesundheit

Selbstfürsorge heisst nicht immer nur 8-Euro-Badezusätze, neue Lidschatten Paletten oder Chia-Acai-Bowls. Selbstfürsorge ist individuell und kann je nach dem bedeuten, zeitig ins Bett zu gehen, keinen Alkohol zu trinken oder ein mühsames Gespräch nicht zu führen.

Vor fünf Jahren, im Alter von zwanzig, bin ich an einer Depression fast zu Grunde gegangen. Mit professioneller Hilfe verbrachte ich ein halbes Jahr intensiv damit, zu lernen, wie ich auf mich Acht geben kann. Nach stationären Aufenthalten und dem Ausprobieren mehrerer Medikamente, konnten mir die Ärzt*innen nach ungefähr sechs Monaten eine treffende Diagnose stellen: Bipolare Störung, manisch-depressiv.

So eine Krankheit ist eine ganz schöne Wucht. Einen Begriff  für das eigene Leid zu haben, erlebte ich persönlich aber als sehr hilfreich.

Mittlerweile bin ich seit über vier Jahren stabil, das letzte Jahr davon sogar ohne Unterstützung von Medikamenten. Stabil sein bedeutet bei einer Bipolaren Störung weder in eine manische, noch in einer depressive Phase zu geraten.

Durch meine Krankheit habe ich viel über Selbstfürsorge gelernt. Hier möchte ich mit euch teilen, wie sich das auf meine Slam-Routine  auswirkt.

 

Manchmal muss die eigene Gesundheit im Fokus stehen

Oft nerve ich mich, dass ich nicht häufiger, nicht weiter weg und nicht über mehrere Tage hinweg auf Bühnen stehen kann.  Aber auf sich selbst zu achten ist ein 10%- 100%-Job – manchmal easy, manchmal hart. Wenn dann zusätzlich noch eine Lohnarbeit ausgeführt wird, ist es nicht verwunderlich, dass nicht allzu viel Zeit für’s Slammen übrig bleibt.

Es ist okay, die Person zu sein, die jede Woche auf fünf verschiedenen Bühnen steht und 2500 km per Bahn zurücklegt. Es ist aber genauso okay, jemand zu sein, der einmal pro Monat in der eigenen Stadt auf die Bühne geht. Da gibt es keine Vorschriften. Mach das, was dir guttut und wenn du merkst, dass du eigentlich lieber öfters auf Bühnen stehen möchtest, dann gibt es dafür sicher auch einen Weg.

 

Die schwierigen Texte sind für mich die wichtigen

Ich habe schon oft Leute über persönliche Texte lästern gehört. Gewisse Menschen sind der Meinung, so etwas gehöre nicht zu Poetry Slam, sondern es ginge nur darum, das Publikum zu unterhalten.

Ich finde es ziemlich dreist, für einen ganzen Saal von Menschen zu reden, zeigt doch die Audienz Ablehnung oder Zustimmung durch Applaus. Ich möchte nicht bestreiten, dass ein 6-minütiger Text mit allerlei Wortwitz, Finessen und einem wunderbaren Reimschema perfekte Unterhaltung für das Publikum sein kann.

Aber mir persönlich geht es um etwas anderes: Ich möchte die Menschen mit meinen Texten berühren. Mir ist Punktzahl und Applauslautstärke egal, solange ich nach der Show von jemandem höre, dass der Text berührt hat, dass man sich darin wiedererkannt hat oder jemanden kennt, dem es so geht. Ich freue mich darüber, wenn jemand aus meinen Texten Kraft schöpfen kann oder sich dadurch neue Perspektiven eröffnen. Das ist es, wofür ich mich auf Bühnen stelle, meine innersten Wunden aufkratze und sorgfältig wieder zusammennähe. Es bedeutet etwas. Auch ein Text über Themen wie Depressionen, Suizidalität oder sexualisierte Gewalt kann nach allen Formen der Kunst mehr oder weniger gut sein. Was ihn aber für mich von den übrigen Texten unterscheidet: er hat immer automatisch eine Ebene, die tiefer geht.

 

Die Party ist nicht der Punkt

Während den letzten Schweizermeisterschaften musste ich nebenher noch arbeiten. Deswegen hatte ich keine Kapazität, um noch Party zu machen. Menschen, die nie um ihre mentale Gesundheit kämpfen mussten, hätten dieses Problem vielleicht nicht gehabt. Kein Problem am nächsten Morgen, nach drei Stunden Schlaf und mit einem schweren Kopf, wieder bereit zu stehen. Es gibt aber durchaus Leute, für die das nicht so easy ist. Mit meiner Diagnose stellt zu wenig (oder auch zu viel) Schlaf ein grosses Risiko dar, instabil zu werden.

Nach einem 8-Stunden-Tag und einem Auftritt nach Hause zu gehen, um am nächsten Tag wieder fit zu sein, ist also nicht lame, sondern Selbstfürsorge. Natürlich hätte ich lieber hart mit der Szene gefeiert. Oft habe ich mir auch eingeredet, dass meine häufige Abwesenheit nach Shows es mir erschweren würde, mit anderen zu connecten. Aber das stimmt nicht: Wenn ich mit jemandem reden möchte, nehme ich mir immer Zeit dafür. Diese Gespräche finden halt nicht betrunken um 3 Uhr morgens statt, aber das ist nicht weiter tragisch.

 

Empowerment statt Konkurrenz

Das mit dem Punktesystem und dem Konkurrenzdruck kann manch zarten Menschen ganz schön mitnehmen. In all den Jahren, in denen ich auf Bühnen getreten bin, um mein Innerstes metaphorisch auszukotzen, habe ich Folgendes gelernt: Wenn ich einen Text performe, der schwer verdaubar und eckig, mir persönlich aber sehr wichtig ist, spielt die Platzierung für mich (fast) keine Rolle mehr. Ich bin zufrieden mit meiner Performance und mit dem, was ich gesagt habe und kann über eine eventuell schlechte Wertung hinwegsehen.

Gleite ich hingegen in die „Das-Publikum-Muss-unbedingt-Unterhalten-Werden“-Schiene und trage irgendeinen Text vor, von dem ich das Gefühl habe, die Leute würden ihn mögen, bin ich danach (auch bei guter Wertung) total unzufrieden.

Natürlich freut man sich, wenn man im Final steht oder gewinnt. Aber das ist für mich schon lange nicht mehr der zentrale Punkt. Wichtig ist es mir, Leute zu bewegen.

Wenn einem das mit den Punkten nicht passt, gibt es übrigens genügend Möglichkeiten, es anders zu machen. Ich habe mit der „Nebeneinander Poetry Slam Show“ in Winterthur einen Rahmen geschaffen, der ohne Wertung funktioniert. Einen Ort, an dem sich Poet*innen das erste Mal trauen, aufzutreten oder alteingesessene Slammer*innen Texte auspacken, die sie auf den grossen Bühnen nie passend fanden.

Es steht uns frei, Räume zu kreieren, die unseren Idealen entsprechen. Wenn das Ganze dann auch noch funktioniert, ist das sehr erfüllend.

Ironischerweise würde ich heute gar nicht auf Bühnen stehen, hätte mich damals nicht hypomanischer Hochmut zu meiner ersten Anmeldung an einem Poetry Slam getrieben. Umso schöner ist es, dass ich das nun auch in stabilem Zustand tun kann. Weil ich gelernt habe, Sorge zu mir selbst zu tragen.

Also passt gut auf euch und eure Mitmenschen auf. Denn Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern für manche überlebenswichtig*;

 

*Das Project Semicolon widmet sich der Suizidprävention. Ein Semikolon wird sprachlich verwendet, wenn ein Punkt hätte gesetzt werden können, man sich aber dazu entschliesst, den Satz fortzusetzen.