29. August 2025

„We save the world with poetry”

Redaktion

„We save the world with poetry”

Die politische Dimension von Poetry Slam bei den Europa- und Weltmeister*innenschaften.
Ein Erfahrungsbericht von Theresa Sperling (EM 24), Lisa Pauline Wagner (WM 24) und Katharina Wenty (Mitgründerin der WPSO).

 

Weltmeister*innenschaft auf Matratzenlagern?

-das Problem mit dem World Cup Paris-

Katharina: Den Titel der Poetry Slam Weltmeister*innenschaft beansprucht seit über zehn Jahren der World Cup in Paris, veranstaltet von einer Einzelperson und prinzipiell auch gut gefördert von französischen Instituten. Nur wofür das Geld genau verwendet wird, bleibt neblig, da die Situation für teilnehmende Poet*innen stets unter jedweder Mindestanforderung lag. Horrorgeschichten von provisorischen Matratzenlagern in Schulen, Essensausgaben auf der Straße, intransparenten Nominierungsverfahren und Wertesystemen, aber vor allem aggressivem und diskriminierendem Verhalten seitens der Festivalleitung machen bereits seit vielen Jahren die Runde in der internationalen Szene, sodass nach und nach immer mehr Länder einen Boykott in Form von Nicht-Partizipation beschlossen. Für viele Nationen spielt der World Cup in Paris aber dennoch eine wichtige Rolle, stellt er doch vor allem für afrikanische Länder oftmals eine seltene, wenn nicht sogar einzige Möglichkeit für junge Künstler*innen dar, erstmalig Europa besuchen bzw. ihr Land verlassen zu können, um Auslandserfahrungen zu sammeln und sich im internationalen Raum zu präsentieren.

Um Poet*innen jedoch nicht vor die schwierige Wahl zu stellen, entweder eine Meister*innenschaft zu unterstützen, die absolut förderungswidrig ist, oder aber sich eventuell eine wichtige berufliche und künstlerische Chance entgehen zu lassen haben sich vor mehreren Jahren verschiedenste Slam-Master*innen aus unterschiedlichen Ländern zusammengetan, um an einer Alternative zu arbeiten. Ich war eines der Gründungsmitglieder der World Poetry Slam Organization (WPSO), die sich zum Ziel gesetzt hat, regelmäßig Weltmeister*innenschaften in alternierenden Ländern zu organisieren, den internationalen Austausch zu fördern und Poetry Slam global zu repräsentieren. Darüber hinaus fühlt sich WPSO außerdem bestimmten Werten verpflichtet, wie der Unterstützung von Poetry Slam als offene Bühne für unterdrückte und marginalisierte Stimmen, insbesondere Frauen, LGBTQI+, POC, prekär lebende Menschen sowie weitere diskriminierte Gruppen, die vom weißen cis-hetero-patriarchalen System unterdrückt werden.

Auch wenn WPSO als horizontale NGO ein sehr junges Kollektiv von einzelnen Vertreter*innen verschiedener Länder (Jesko Habert für Deutschland, ich für Österreich etc.) ist und sich dementsprechend im laufenden Lernprozess befindet, stellt es eine realistische Alternative für internationale Poetry Slam Meister*innenschaften dar – auch wenn diese als solche natürlich dennoch immer im Großen und Ganzen vom jährlich wechselnden Austragungsland selbst organisiert werden.

 

Zwischen Fußballspiel und Queerfeindlichkeit

-Die WM in Togo-

 

Lisa: Für die Weltmeister*innenschaft in Togo letztes Jahr habe ich mich über einen Platz in der Top10 bei der EM 2023 qualifiziert, sowie insgesamt 40 weitere Poet*innen, von denen letztlich nur 25 teilgenommen haben. Davon 23 vor Ort und 3 via Videobeitrag. Die Gründe warum manche Poet*innen nicht angereist sind waren entweder finanzielle, gesundheitliche oder Sicherheitsbedenken.

Bei lokalen Meister*innenschaften, wie die für Hamburg oder Berlin Brandenburg, treten Leute immer wieder an, wohnen in der Umgebung, sind Teil einer Szene und/oder einfach befreundet. Die Wahrscheinlichkeit Bekannte auf der EM oder WM zu treffen, mit denen man regelmäßig in den gleichen Line Ups steht, ist sehr gering, wodurch sich das Szenegefühl für mich erst sehr viel später einstellte. Insgesamt war die Reise in jede Richtung intensiv: die Stimmung war wohlwollend und friedlich, mit leicht hippi-eskem „We save the world with poetry“-Vibe. Es wurde gelacht, gesungen, getanzt, es gab Drama, Streit, Schimpferei, es war laut und heiß und, weil viel Französisch und durcheinandergeredet wurde, habe ich vieles auch einfach nicht verstanden. Mein persönliches Highlight war das von Katharina Wenty organisierte Fußballspiel „Slam Poets vs Slam Masters“, das hat einfach Spaß gemacht und ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt.

Ich hätte meinen Text auf Englisch vortragen dürfen, habe mich aber für Deutsch entschieden, weil mir wichtiger war ihn auswendig vorzutragen. Im internationalen Poetry Slam liest niemand vom Blatt ab, das Zeitlimit ist dafür aber auch nur 3 Minuten. Ich musste ein halbes Jahr vorher meine Texte auf Englisch einreichen, damit eine französische Übersetzung angefertigt werden konnte. Die Englische und Französische Übersetzung hätte dann als Untertitel auf einer Leinwand mitlaufen sollen, was aber in meinem Halbfinale einfach nicht funktioniert hat, also gab es keine Übersetzung. Das war schon ziemlich enttäuschend. Die Performances waren viel dramatischer und emotionaler als ich es gewöhnt bin. Humorvolle Kurzgeschichten gab es so gut wie keine, dafür viele (ich nenne sie mal) Predigten. Inhaltlich ging es z.B. um die schädlichen Folgen des Klimawandels, um politische Missstände, um persönliche Schicksalsschläge.

Für und über den Gewinner Chev aus den USA habe ich mich sehr gefreut. Seine Texte haben mich berührt und unterhalten, sie waren sowohl künstlerisch als auch nahbar und ich bin dadurch auch mit einem sehr positiven Gefühl rausgegangen. Ich muss aber auch sagen, dass es zwischendurch Situation gab, die mich wirklich schockiert haben. Wer den Live-Ticker in der Telegram-Gruppe gelesen hat, hat einen Eindruck des Durcheinanders bekommen. Die Verfassung von Belgiens Starter*in Tilke Wouters (they/them) hat mich über den ganzen Zeitraum sehr mitgenommen. Während Tilkes Performance wurden them Beleidigungen entgegengerufen. Auf Instagram postet they am Tag der Abreise „It was hard experiencing queerphobia on a world stage and being reminded why I fight for trans and queer rights everyday.“ In Togo sind Homosexuelle Handlungen verboten und können mit einer Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren und Geldstrafen bestraft werden. Das war mir ehrlich gesagt nicht bewusst und löste auch wieder ein vielschichtiges Gefühlschaos in mir aus, irgendwo zwischen „So eine Scheiße, ich will diesen gesellschaftlichen Missstand hier und jetzt beheben!“ und „Es geht irgendwie gar nicht um mich und ich kann auch nicht viel beitragen gerade“. Ich habe Tilkes Umgang und Durchhaltevermögen auf jeden Fall sehr bewundert.

 

Die Rolle der Literatur in Zeiten extremistischer Politik

-Die EM in der Slowakei-

 

Theresa: Zur EM im Dezember 2024 in der Slowakei, habe ich mich über den Sieg der deutschsprachigen Meister*innenschaften in Bochum 2024 qualifiziert. Das textuelle und performative Niveau der 32 Starter*innen in den diesjährigen Europameister*innenschaften war einschüchternd hoch, die Organisation des slowakischen Teams großartig und der künstlerische Austausch stand definitiv die gesamten drei Tage über dem Wettbewerbsgedanken.

Auf jeder EM entscheidet das Orgateam über die Auswahl und Anzahl der Jurymitglieder. Die Slowakei hatte sich dieses Jahr aus guten Gründen dafür entschieden, neben den drei Menschen aus dem Publikum auch drei Literaturprofis in die Jury zu berufen. Das bedeutete im Klartext, dass wir uns nicht nur mit der gewohnten Bewertung durch ein literarisch vielleicht wenig geschultes Publikum, sondern auch mit dem Urteil dreier Literaturprofis aus Ungarn, der Slowakei und Tschechien auseinandersetzen mussten. Diese hatten unsere drei eingereichten Texte bereits in Vorfeld auf ihre literarische Qualität geprüft und konzentrierten sich im Wettbewerb selbst auf unsere Performance. Keine der sechs eingeholten Wertungen wurde gestrichen, das heißt, die Antretenden mussten alle Jurymitglieder gleichermaßen überzeugen. Gerade aus den Reihen der Profi-Jury hagelte es Fünfen, eine Wertung, die von deutschsprachigem Publikum eigentlich nur für ödes Mittelmaß vergeben wird. Entsprechend groß war der Unmut am Tag nach dem Halbfinale, in dem sich von 32 Antretenden 10 für das Finale qualifizierten. (Diese zehn Finalist*innen vertreten Europa übrigens Ende Mai 2025 in der WM.) Die Profi-Jury wurde in einer extra einberufenen Sitzung als vorurteilsbehaftet und hart kritisiert. Veranstalter Tomáš Straka betonte jedoch, dass die Punkte von 0 bis 10 im slowakischen Slamalltag anders als in den anderen Ländern voll ausgeschöpft werden.

Der Wettbewerb wurde allerdings von drei politischen Ereignissen überschattet:

1) Über der Veranstaltung hing wie ein Damoklesschwert die drohende Entscheidung der slowakischen Regierung, nur noch slowakische Kunst auf slowakischen Bühnen zu zeigen. Die EM könnte also das letzte internationale Kunstevent der Slowakei für viele Jahre gewesen sein, die Veranstalter*innen wiesen mit eindringlichen Reden auf die prekäre Situation hin, das Publikum applaudierte stehend.

2) Die für die Ukraine antretende Slammerin Hera reiste direkt aus dem Sanitätsbus an, in dem sie als Sanitäterin täglich Leben rettet. Sie erhielt den Jurypreis und setzte mit ihrer literarischen und performativen Kraft ein starkes Zeichen: „I am a poet, who writes invisible verses for my murdered readers.“

3) Laureena Mardini aus Syrien konnte ihr Aufenthaltsland Luxemburg nicht vertreten, weil sie erst wenige Tage vor dem Wettbewerb ihr Visum erhielt. Ihren ergreifenden Text am Open-Mic widmete sie ihrem Bruder, dem sie zehn Jahre lang vergeblich versuchte nach Luxemburg zu folgen.

Die EM zeigte in aller Deutlichkeit, welchen Einfluss Kunst auf Politik hat. Es bleibt zu hoffen, dass der Einfluss wechselseitig ist. Hoffen wir außerdem, dass die Politik in unserem Land Kunst als einen Grundpfeiler von kulturellem Zusammenhalt, individueller Freiheit, gesellschaftspolitischem Diskurs und demokratischer Stabilisierung sieht und zukünftig großzügig unterstützt. Kunst trägt immer auch eine politische Verantwortung und die Unterstützung von Kunst durch die Politik zeigt, ob eine Regierung Meinungsfreiheit und Individualität erhalten oder abschaffen möchte.

Die nächste EM in Berlin!

Lisa: Kommt dieses Jahr alle am 16.-18.Oktober nach Berlin! Wenigstens zum Finale im Admiralspalast (und das sage ich nicht nur weil ich es zusammen mit Jesko moderiere, aber schon auch deswegen).

 

Redaktion: Jana Goller