29. Mai 2026

Wir dürfen ja gar nichts mehr sagen – Wenn mutmaßliche Täter*innen ihre Betroffenen zum Schweigen zwingen

Redaktion

Ob Collien Fernandes, Gisèle Pelicot, Chanel Miller, Terry Crews, Anita Hill – Betroffene patriarchaler Gewalt jeden Geschlechts zum Schweigen zu bringen oder bringen zu wollen hat System. Auch in der Poetry-Slam-Szene.

Über vier Jahre hinweg war ich im Vorstand der Slam Alphas tätig. In dieser Zeit habe ich Kenntnis von rechtlichen Prozessen erlangt, die in der Szene kaum bekannt sind. Ich habe für Betroffene Kontakt zu Beratungsstellen, Mediator*innen, Therapeut*innen und Anwält*innen hergestellt. Habe versucht zukunftsfähige Wege aufzuzeigen. Habe Unfassbares gelesen, gehört und miterlebt.

Ich habe in der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene nur Ereignisse im Kopf, bei denen Strafverfahren (!) eingestellt, gar nicht erst aufgenommen oder „im Zweifel für den Angeklagten“ beendet wurden und ich kenne gar nicht alle. Die so beendeten Strafverfahren sind kein Beweis der Unschuld, sie zeigen lediglich, dass vor allem weiße Täter und Verursacher kaum Konsequenzen für ihr Handeln tragen müssen.

Einige von euch werden wissen, dass die Betroffenen, die durch unsere #SafeSpaceKampagne unterstützt wurden, zivilrechtlich verfolgt wurden und werden. Ihre mutmaßlichen Täter und Verursacher (in diesem Kontext alles Männer) beklagten sie zum Teil nach semi-öffentlichen Erfahrungsberichten zivilrechtlich auf Unterlassung. In diesen Verfahren ging es also nicht primär darum zu klären, ob und was den Betroffenen widerfahren ist, sondern ob, wie und mit wem sie über ihr Erlebtes mit diesen Männern sprechen durften und dürfen.

Wir konnten als Verein Dank eurer Spenden mittlerweile Betroffene mit fast 100.000 € unterstützen. Unterstützen, damit sie keine massiven Kosten tragen müssen, weil sie öffentlich benannt haben, was sie durch Männer dieser Szene erleben mussten. Damit sie für das von ihren mutmaßlichen Tätern erzwungene Schweigen nicht zahlen müssen. Damit sie ihren mutmaßlichen Tätern keinen Schadenersatz zahlen müssen. Mit noch nicht ganz so viel Geld (Fetziger Spendenaufruf: hallo bitte spenden!) haben wir im Rahmen der #BraveSpaceKampagne solidarische Menschen und Vereine in der zweiten und dritten Reihe unterstützen können und müssen, die von mutmaßlichen Tätern und Verursachern ebenfalls zum Schweigen gezwungen werden sollten und sollen.

Betroffenen mit Hilfe des Justizsystems die Stimme zu nehmen hat System. Es ist ein Grundpfeiler des Patriarchats von dem ALLE Männer profitieren, egal ob Täter oder nicht. Es ist ein Grundpfeiler kolonialer und rassistischer Gesellschaft von dem ALLE weißen Personen profitieren. Es ist eine Entscheidung, dieses Privileg zu nutzen.

Es ist quantitativ und qualitativ belegt, dass weiße (cis endo) Männer eher ausnahmsweise als in der Regel für das Ausüben patriarchaler Gewalt Konsequenzen erfahren. Nicht mal juristische Strafen – überhaupt Konsequenzen in irgendeiner Form. Sie verlieren keine Freund*innen, keine Reichweite, ihre Karriere leidet höchstens kurzfristig. Unsere Gesellschaft und ebenso unsere Szene hat meistens mehr Mitleid mit Täter*innen, die von den vermeintlichen Konsequenzen ihrer eigenen Übergriffigkeit betroffen sind, als mit den eigentlichen Betroffenen der Übergriffigkeiten.

Selbst wenn weiße (cis endo) Männer zu Recht beschuldigt werden, reicht es im Grunde aus, die Füße stillzuhalten, eventuell ein, zwei Monate Social-Media- oder auch Real-Life-Urli zu machen und dann geht’s weiter wie bisher.

Auch wenn Übergriffigkeit mehr ist als brutale Vergewaltigungen, zur Erinnerung in diesem Kontext folgende Zahlen (Quelle: frauen-gegen-gewalt.de): Von 1000 Vergewaltigungen werden 5–15 % angezeigt. Von diesen maximal 150 angezeigten Vergewaltigungen werden maximal 9 % der Täter*innen verurteilt, also rund 13 Personen. Von mutmaßlichen 1000 Täter*innen werden gerade einmal 13 verurteilt. Zu Unrecht beschuldigt werden von den 150 angezeigten Fällen 3 %, das sind knapp fünf Personen.

Als Übersetzung für die „Falschbeschuldigungen!11ELF!!!“-Crowd: Falschbeschuldigungen sind selten. Und so schwer es fallen mag, das zu akzeptieren, die allermeisten Beschuldigten sind nicht die Ausnahme (nicht alle Slammer*innen können Britney Spears sein). Viel wahrscheinlicher als eine Falschbeschuldigung ist es, dass Menschen patriarchale Gewalt ausüben, ohne das selbst zu bemerken.

Betroffene zum Schweigen zu zwingen, ist in einem patriarchalen System, das vor allem weiße (cis endo) Täter und Verursacher schützt, nicht nur nicht notwendig, sondern zusätzlich gewaltvoll. Ein Teil von mir will, dass Täter*innen einmal so zum Schweigen gezwungen werden, wie ihre Betroffenen. Keine Interviews, keine Devils-Advocats, keine aber-das-ist-so-ein-netter-Kumpel-Bros, kein Dschungelcamp, keine Buchdeals, keine Kolumnen, keine Podcasts. Dass sie einmal die Ohnmacht, die Erniedrigung, die Fassungslosigkeit, die Unsichtbarkeit und die gesellschaftliche Ächtung ertragen müssen, der sie ihre Betroffenen aussetzen. Dass einmal Täter*innen die sind, die die Konsequenzen ihres Übergriffs tragen müssen. Vielleicht klappt’s dann mit der Reflexion.

Ich persönlich werte (Unterlassungs-/Verleumdungs-)Klagen, die Betroffene zum Schweigen zwingen sollen, als Schuldbekenntnis – aber davon haben Betroffene nichts. Davon kommen Sicherheit, Sichtbarkeit und Vertrauen nicht zurück. Betroffene tragen weiterhin und oft alleine die Konsequenzen der Taten und ertragen schweigend die Allgegenwärtigkeit (der Namen) ihrer mutmaßlichen Täter*innen und Verursachenden.

Ich werde so gut ich kann solidarisch mittragen. Und ihr solltet das auch. Glaubt Betroffenen, unterstützt sie und hört auf, mehr Mitleid mit mutmaßlichen Täter*innen zu haben als mit den eigentlichen Betroffenen. Hört auf ihnen wortwörtlich Bühnen und Mikrofone zu bieten. Zumindest, bis sie die Verantwortung für ihr Handeln selbst tragen und ihr Verhalten reflektiert und verändert haben.

Ganz ehrlich, ich würde so viel lieber über transformative Gerechtigkeit, das Ende von und den Umgang mit Schuld oder queerfeministische Ansätze zu Gewalt und Gewaltprävention sprechen und schreiben. Wirklich. So viel lieber. Aber ich hab den Eindruck, dass eine signifikante Menge unserer Szene ebenso wie unserer Gesellschaft dafür nicht bereit ist.

Und bis wir diese Gespräche führen können,
tragen wir Namen,
tragen wir Taten,
die nicht unsere sind.

geschrieben von Suse Bock-Springer
Redaktion: Käte